banner2.jpg
 no-css-shadow

Digitale Techniken verändern die Kommunikation, die Arbeitswelt und nicht zuletzt die Welt der Wirtschaft. „Digitalisierung“ ist zu einem Schlagwort geworden, zu einer Bedrohung des Arbeitslebens für die einen, zu einer Chance auf neue Geschäftsfelder und effizientere Verfahren für andere. Helfen vielversprechende Techniken wie die Künstliche Intelligenz (KI) Wirtschaftsprüfern sowie Revisoren und Controllern in den Unternehmen dabei, immer größeren und komplexen Datenmengen in den Griff zu bekommen? Dies war eine der Schlüsselfragen bei der 14. Tagung des Deggendorfer Forums für digitale Datenanalyse (DFDDA), die am 26. und 27. April im „Glashaus“ der Technischen Hochschule Deggendorf stattfand. Das Motto der Tagung: „Die Welt ist komplex – verstehen Computer sie besser?“

Graphic Recording des 14. Deggendorfer Forums für digitale Datenanalyse von Christoph Illigens:

180426deggendorfer forum s preview

Bilder vom 14. Deggendorfer Forums für digitale Datenanalyse:

Der Veranstalter und Gastgeber Prof. Dr. Georg Herde von der Fakultät Angewandte Wirtschaftswissenschaften der THD übernahm wie auf den vorausgegangenen Veranstaltungen die Moderation der Diskussionen und eröffnete das Forum gemeinsam mit dem Mathematiker Ernst-Rudolf Töller mit einem Dialog über das Motto der Tagung. Zusätzlich hatte Prof. Herde dieses Mal seine Mitarbeiterin Carmen Andraschko gewonnen, dem Motto der Veranstaltung ein berühmtes Zitat des großen Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant an die Seite zu stellen:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. 'Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!' ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung. Berlinische Monatsschrift, Ausgabe Dezember 1784)

Dass digitale Techniken derzeit in Wissenschaft und Wirtschaft intensiv diskutiert werden, wurde bei der Tagung in den Vorträgen aller sieben hochrangigen Experten deutlich. Ob Computer komplexe Strukturen allerdings besser „verstehen“ können als Menschen stellte schon Horst Kunhardt, Vizepräsident der THD, in seiner Begrüßung in Frage. „Können Computer überhaupt etwas verstehen?“, fragte er und formulierte seine Frage an die Veranstaltung ein wenig anders: „Die Welt ist komplex. Helfen uns Computer dabei, sie besser zu deuten?“

Im engeren Sinne war genau das die Frage der Praktiker in der Runde der mehr als 60 Teilnehmer der Veranstaltung. Das Deggendorfer Forum richtet sich seit seinen Anfängen im Jahr 2005 vor allem an Mitglieder prüfender Berufe in Wirtschaft und Finanzbehörden, deren tägliche Aufgabe es ist, in immer größeren und unübersichtlicheren Datenbergen Fehler und Hinweise auf wirtschaftliche Risiken, versteckte Fallen und Manipulationen zu finden.

Schon im Einführungsvortrag wurde deutlich, dass neue, digitale Verfahren nicht unbedingt hilfreich sind, solange die Anwender kein klares Bild davon haben, was die Technik kann und was nicht. Sven Enger, Unternehmer, Associate Partner am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut und Autor, hatte über seinen Beitrag die Frage gestellt: „Kommt mit der Digitalisierung das Ende der Gesellschaft?“ In Umfragen, so Enger, stimmten auffallend viele Menschen der Aussage zu: „Das Internet geht auch wieder weg.“ Auf der anderen Seite zeigten gerade Politiker oft eine Begeisterung für das „Buzzword“ Digitalisierung, offenbarten aber bei Rückfragen ein nur sehr begrenztes Wissen darüber. Weiterzumachen wie bisher sei unmöglich. Allein die derzeit vorhandenen neuen Kommunikationsmittel in den sozialen Netzwerken veränderten die Kommunikation mit den Kunden. „Digitalisierung“, so Enger, „ist keine einmalige Aufgabe, sondern eine innere Haltung.“ Der Mensch müsse darüber nachdenken, wie er sich in dieser Entwicklung positionieren wolle – als Benutzer einer ihm fremden Technik, oder als deren Gestalter, der auch entscheiden kann, wann ein nicht digitaler, „analoger“ Prozess im konkreten Fall vielleicht doch der bessere, sicherere ist.

Enger hatte in seinem Vortrag darauf hingewiesen, eine der „größten Digitalisierungshürden“ sei die „Verteidigung bestehender Strukturen“. Nach ihm betrat Andrea Bruckner das Podium und faszinierte die Teilnehmer mit einem sehr offenen und deutlichen Praxisbericht über die Schwierigkeiten der Digitalisierung in einem konkreten Umfeld, wo es eine Rolle spielt, dass Digitalisierung Zeit, Planung und Geld kostet und die Kunden nicht immer auf dem letzten Stand der Technik sind. Andrea Bruckner ist Mitglied des Vorstandes der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Die BDO habe Kunden vom kleinen mittelständischen bis zum Großunternehmen. „Wie digital sind die denn schon?“, fragte sie. „Die haben nicht alle durchdigitalisierte Prüfungssysteme“. An konkreten Beispielen veranschaulichte sie, wie in ihrem Unternehmen die Digitalisierung Schritt für Schritt in Angriff genommen werde. Die Veränderung des Selbstverständnisses sei eine große Herausforderung im Betrieb, allerdings berichtete sie auch von zahlreichen Ideen und konkreten Vorschlägen aus den Reihen der Mitarbeiter.

Wohin die Reise des Wirtschaftsprüfers in der Zukunft gehen kann schilderte Stefan Groß, Steuerberater und Partner der Kanzlei Peters, Schönberger & Partner. Groß hält die „digitale Transformation“ für unaufhaltbar; das Berufsbild des Wirtschaftsprüfers werde sich „fundamental“ verändern. Sechs Trends werden das „digitale Ökosystem“ des Berufs verändern, so Groß: Die Nutzung von Big Data verlange Datenanalysen, Softwarewerkzeuge und Menschen, die beides beherrschten. Das Cloud Computing sei alternativlos, Sicherheitsbedenken verflüchtigten sich, seit es auch in Europa Cloud-Anbieter gebe. Finanz- und Rechnungswesen würden automatisiert durch Bots, die selbstständig Transaktionen durchführen würden, und Robotic Process Automatisation (RPA) ermögliche die Automatisierung wiederkehrender Standardvorgänge; der Wirtschaftsprüfer werde „zu einer Art Roboterversteher“. Expertensysteme werde es für jeden Zweck geben, zahlreiche seien bereits am Markt. Durch die Technik der Blockchain könnten Daten und Transaktionen direkt als Prüfungsnachweis dienen, bei intelligenten Verträgen (Smart Contracts) in der Blockchain müsse der Prüfer nur noch „die korrekte Codierung des Parteiwillens“ prüfen und werden so zum Algorithmenprüfer. Und schließlich biete die intelligente Fabrik (Smart Factory) unbegrenzte Prüfungsmöglichkeiten, auch solche, die permanent mitlaufen. Der „Wirtschaftsprüfer 2.0“ sei gefragt, was Risiken berge, aber auch große Chancen.

Ein Leckerbissen für Freunde der Mathematik und Logik war der letzte Vortrag des ersten Konferenztages. Prof. Dr. Michael Eisermann vom Institut für Geometrie und Topologie im Fachbereich Mathematik der Universität Stuttgart erklärte an einem anschaulichen Modell, wie Google es schafft, eine Liste von Suchtreffern so zu sortieren, dass allem Anschein nach in der Regel die wichtigsten Seiten oben stehen. Das Geheimnis des Page Rank (entwickelt an der Stanford University von Larry Page – daher der Name – und Sergei Brin, den späteren Gründern der Firma Google) ist: Für Google ist eine Seite relevant (populär), wenn viele andere relevante (populäre) Seiten auf sie verweisen. Dafür gibt es eine mathematische Formel; der Inhalt der Seite spielt keine Rolle.

Den zweiten Konferenztag eröffnete als prominenter Gastredner Dr. Harald Lesch, Professor am Institut für Astronomie und Astrophysik der Ludwigs-Maximilian-Universität München. „Vom Homo Sapiens zum Homo Digitalis“ nannte er seinen Beitrag und stellte damit die Digitalisierung in ein Spannungsverhältnis zur Sapientia (Weisheit). Lesch schockierte seine Zuhörer damit, dass er der Begeisterung für die Digitalisierung und selbstlernende Algorithmen den Satz entgegen hielt: „Der Einsatz von Algorithmen kann zur Zerstörung von allem führen, was mit Rationalität zusammenhängt.“ Philosophische Rationalität handele nach der Maxime: „Unsere Entscheidungen sind begründbar.“ Doch: „Algorithmen begründen nicht.“ Wenn wir uns auf Algorithmen stützten, die sich selbst optimierten, dann bleibe verborgen, warum der Algorithmus ein bestimmtes Ergebnis liefere und kein anderes. Ziel des wissenschaftlichen Lernens sei zu verstehen, warum etwas auf eine bestimmte Art geschieht und nicht auf andere. „Sich langsam emporzuirren ist die Variante, die uns sehr erfolgreich gemacht hat“, sagte Lesch und fragte: „Wann fangen wir an Algorithmen daraufhin zu prüfen, wie gut sie sind? Er zitierte den römischen Politiker und Philosophen Marcus Tullius Cicero: „Bedenke Deine Taten vom Ende her.“ In dem Sinne finde er den Slogan der FDP im Wahlkampf 2017 „Digitalisierung first, Bedenken second!“ als Beleidigung seines Intellekts. Der Mensch, so Leschs launiger Schlusssatz, habe immer noch die Möglichkeit, aus der Entwicklung Tempo herauszunehmen, ganz im Sinne der sehr bayerischen mathematischen Formel des Kabarettisten Gerhard Polt: „Bier mal Zeit ist Gemütlichkeit“.

Die Tagung endete mit zwei Fachvorträgen. Im ersten stellten Stefan Werner und Andreas Wähnert, Groß- und Konzernbetriebsprüfer des Landes Brandenburg bzw. Schleswig-Holstein, ihr Konzept „Systematische Visualisierung als Antwort auf die komplexer werdende Betriebsprüfungssituation“ vor. Der Mensch, so Wähnert, sei für visuelle Information besser geeignet als nüchterne Zahlenreihen. Er demonstrierte das am Beispiel einer Tabelle mit den Monatszahlen für Wareneinkauf und Warenumsatz einer kleinen Kneipe. Den Zahlen war auf den ersten Blick nichts Auffälliges anzusehen. Erst als er die Zahlen der beiden Spalten als überlagerte Kurven dargestellte, wurden Abweichungen sichtbar, die erklärungsbedürftig waren. Beide Referenten berichteten, dass in Schulungen positive Reaktionen auf die Arbeit mit der Visualisierung kamen. Voraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz, so Wähnert, sei dennoch Methodenkenntnis. Stefan Werner erläuterte den Weg zur visuellen Überprüfung von Daten anhand eines Beispiels, in dem nach einer Betriebs­prüfung eine Umsatzschätzung nötig war. Visualisierung wurde unter anderem als Hilfe bei dieser Schätzung der Umsätze eingesetzt. Die Datenaufbereitung für solche Verfahren koste, so Werner, immerhin rund 60 Prozent der Arbeitszeit. Die Anwendung der Werkzeuge werde absichtlich nicht durch Automatismen unterstützt, weil die Gefahr groß sei, dass solche Automatismen von den Anwendern nicht hinterfragt würden. Viele Impulse für überzeugend visualisierte Daten seien aus der Praxis des Prüfers gekommen. Werner: „Die Prüfer brauchen gute Argumente, wenn sie sich mit dem Geprüften streiten müssen.“

Wie „Bitcoin & Blockchain vom Hype zum Einsatz in der Finanzindustrie“ kommen, schilderte schließlich Alexandra Rimpu, die eingesprungen war für Paul Kammerer, VP Corporate Strategy Commerzbank AG & Co-Founder DLT-Lab. Die Referentin warf einen Blick auf die Entstehung von Bitcoin als Folge der Lehman-Krise und des verlorenen Vertrauens vieler Verbraucher in die Banken. Sie hält weder Bitcoin noch die damit verbundene Blockchain-Technik für Hypes, die vorübergehen. „Blockchain wird für Industrie und Banken sein was das Internet für die Medien war“, sagte Rimpu. Das DLT-Lab der Commerzbank setze sich intensiv mit verschiedenen Techniken der Digitalisierung auseinander und stehe auch mit dem öffentlichen Sektor und regulierenden Institutionen in engem Kontakt. In zahlreichen Gesprächen werde das Interesse der Kunden erfragt. So sei es zum Beispiel nicht immer erwünscht, dass Transaktionen uneingeschränkt von allen Teilnehmern des Bitcoin-Verfahrens einsehbar seien. Eine zwischengeschaltete Bank könne ihre Kunden vor dem Zwang zur Offenlegung schützen. Der Einsatz solcher und anderer Werkzeuge stehe am Anfang, so Rimpu. „Wir sind noch im Fahrrad-Modus.“ Aber jetzt sei die Zeit, anzufangen, wenn man dabei sei wolle.

 

Autor: Rainer Klüting