Zukunftssicherung und Nachhaltigkeit: zur Rolle der prüfenden Berufe auf dem Wege in eine weltweite Informations- und Wissensgesellschaft
Prof. Radermacher legte in seiner Keynote den gedanklichen Hintergrund zu vielen Aspekten der Diskussionen, die sich an die weiteren Beiträge des Forums anschlossen. Mehrere Redner griffen später Fragen und Schlussfolgerungen aus seiner Rede auf und knüpften daran an.
Radermachers Thema war die Rolle der prüfenden Berufe in einer zunehmend komplex werdenden, globalisierten Informationsgesellschaft. „Aus vielen Gründen haben die prüfenden Berufe eine große Bedeutung. Sie sind eine kleine Gruppe, die für wesentliche ökonomische Entscheidungen die unabhängige Datengrundlage liefern“, sagte Radermacher. Der Prüfer setze unter relevante Dokumentationen ökonomischer Vorgänge eine Bestätigung. „Der Bestätigungsvermerk muss zumindest eine ordentliche Qualität haben, sonst kann unser System nicht funktionieren.“ Vor welche Herausforderungen das enorme Wachstum der Datenmenge und Datenkomplexität den Prüfer stellt, und was eigentlich zu dieser „ordentlichen Qualität“ des Bestätigungsvermerks gehört, das waren zwei wesentliche Aspekte in Radermachers Ausführungen.
Sein Ausgangspunkt war eine Analyse des Verhältnisses von Mensch und Informationstechnik. Die IT sei wegen ihrer „unglaublichen Innovationsgeschwindigkeit“ einzigartig, sagte Radermacher. „Ohne IT gäbe es die ganzen globalen Wertschöpfungsketten nicht, die heute das Wirtschaften weltweit befördern.“ Diese Entwicklung könne man grundsätzlich positiv bewerten, doch es gebe auch eine negative Seite getreu dem Goetheschen Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“
Die IT unterscheide sich in einem Punkt wesentlich von anderen Technologien: Weil Information im Wesentlichen nicht materiell ist, ist es möglich, ihre materielle Repräsentationsgröße immer weiter zu verkleinern. Immer höherer Leistungen der Technik können für immer mehr Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Plötzlich stelle der Mensch fest, „dass die Maschine Dinge tun kann, die wir nie tun konnten“. Dass die Maschine in manchen Dingen besser sei als der Mensch. Mit Blick auf die Erkenntnisse der Hirnforschung warnte Radermacher: „Es ist ganz wichtig zu verstehen, dass unser Gehirn Grenzen hat.“ Die Menschheit komme „zum ersten Mal mit Technik ernsthaft an die Intelligenzfrage heran“. In manchen Bereichen verdränge die Maschine den Menschen.
Mit Blick auf das Thema der Veranstaltung kam Prof. Radermacher auf sein zentrales Anliegen zu sprechen:
"Zum Schluss, da sind sich praktisch alle einig, müssen wir die Wiederentdeckung der Langsamkeit durchsetzen. Das ultimative politische Ziel muss sein, wieder deutlich mehr Langsamkeit hervorzubringen. Die Antwort auf die Fragen, die Sie gestellt haben, ist nicht, dass wir mit immer intelligenteren Maschinen immer schneller immer noch komplexere Situationen bewältigen. Wir müssen vielmehr die Situationen radikal vereinfachen. Wir müssen sie sogar radikal vereinfachen um den Preis, dass wir bestimmte Wachstumspotenziale nicht nutzen. Denn wenn wir als Menschen in der Kontrollposition bleiben wollen, dürfen wir nur eine Welt bauen, die wir verstehen. Es hat überhaupt keinen Sinn, eine Welt zu bauen, die wir nicht verstehen, denn diese Welt wird uns zum Schluss überrollen."
An seine Zuhörer gerichtet, plädierte Radermacher für einen „Level der Prüfung, der gar nicht erst den Anspruch erhebt, er reflektiere die ganze Wahrheit“. Anzustreben sei „ein vernünftiger Kompromiss“, der sicherstelle, „dass wir im Sinne von konkludentem Handeln als Gesellschaft funktionsfähig bleiben“.
Zwar hätten die Prüfer keine andere Wahl, als die Softwaretools zu nutzen, die verfügbar seien. „Sie werden erleben, dass die einen Prüfer die anderen vor sich her treiben, wenn diese etwas nicht tun. Sie werden vor allem erleben, dass die Großen versuchen, die Kleinen vom Markt zu drängen, mit der Begründung, diese hätten irgendwelche Software nicht verfügbar und beherrschten irgendwelche Techniken und Dokumentationen nicht ausreichend. Denn die beliebteste Methode, den Kleinen loszuwerden, ist, ihn mit so viel Bürokratie und formalen Anforderungen zu überfrachten, dass er das ökonomisch nicht mehr durchhält.“
Doch aus seiner Erfahrung als Berater und Begleiter mehrerer Unternehmen, gerade aus dem Mittelstand, wünschte er sich den Typ des Prüfers, der sich in die Probleme des Unternehmers hineindenkt. „Sehr viele gute Unternehmer entscheiden hervorragend aus dem Bauch, können aber nicht erklären, warum sie so und nicht anders entschieden haben.“ Und das ist gut so – nicht Schwäche sondern Stärke. Es sei in solchen Unternehmen schlicht nicht angemessen, nach starren Regeln vorzugehen. „Natürlich müssen die Steuern bezahlt werden“, betonte Radermacher. Aber sowohl für das Finanzamt wie für den Prüfer sei doch „die Königsebene, dass die Firma funktioniert und Steuern zahlt, nicht, wie ein nachrangiges Detail formal dargestellt ist.“
Zum Schluss erinnerte er daran: „Wenn Nachhaltigkeit ein Thema wird, dann müssen zunehmend auch Nachhaltigkeitsindikatoren in die Prüfung einfließen, und selbstverständlich müssen diese auf Dauer auch in die Bilanzen aufgenommen werden. Viele Nachhaltigkeitsfragen sind im Kern Bilanzierungsfragen.“